Daniel Kojo Schrade
Einige Gedanken zu den “Afronauts”
Seit etwa zehn Jahren arbeite ich daran, konzeptionell relevante Schriftelemente in meine Arbeiten auf Leinwand und Papier zu integrieren. Dieses Einarbeiten von Text-, Wort- und Buchstabenfragmenten in abstrakte, ungegenständliche Kompositionen wurde zu einem wesentlichen Bestandteil meiner Arbeit. Im Jahr 2003 begann ich diese Schriftfragmente mit figürlichen Elementen zu ergänzen, die oft die Funktion haben den liminalen Raum, die “Grauzone” zwischen Vorder- und Hintergrund, zu definieren. Innerhalb der Serien “Afronauts”, “Brother Beethoven” und “Stop-Look-Listen” wiederholen sich die aus verschiedenen kulturellen Kontexten stammenden Motive, sie variieren, sie mutieren. Sie werden durch ihre Integration in meine Bilder zu einem Bestandteil meines persönlichen kulturellen Archivs. “Afronauts” sind “nicht-verortbare” Charaktere, die den Bildraum in dem sie erscheinen selbst gestalten und kontrollieren. Sie erheben Anspruch auf Selbstdefinition und hinterfragen Identitätszuschreibungen. Dargestellt werden sie oft in einer Bekleidung die an Raumanzüge erinnert mit unterschiedlichen Kopfbedeckungen wie Helmen, Hüten und Kappen. Ihre Gesamterscheinung lässt auch an den Musiker und Produzenten Lee “Scratch” Perry denken der in ähnlichen Outfits auftritt. Darüber hinaus sind die “Afronauts” auch von der ghanaischen Trickster-Figur “Ananzi the Spider” und dessen zeitgenössischen Equivalenten, “Felix the Cat”, “El Ahrairah”, und “Wile E. Coyote” inspiriert. Die figürliche Präsenz der “Afronauts” markiert einen Kontrapunkt innerhalb der vorwiegend homogen-abstrakten Farbräume und transformiert sie in eine Malerei, die sich nach Jochen Meister als “Malerei aus dem Zwischenraum” (Jochen Meister, Afronauts, 2007) beschreiben lässt.
Gedanken von Dr. Peter Zwey (Moderator des Künstlergesprächs zur Eröffnung) über die Eröffnung von 27.06.2009, den Galeristen, und den Künstler und seinen Arbeiten.
Der Galerist und der Maler, sein Bruder.
Daniel Kojo Schrade in der Galerie Tobias Schrade,
Das war ein amüsantes Treffen, in der Galerie Schrade in der Museumsnacht. Die beiden Halbbrüder haben rein-physiognomisch einiges gemeinsam, aber auch sonst wenn sie lächeln, reden, spürt man gleich etwas zutiefst Verwandtes. Auch gesellig sind sie beide. Natürlich hat der jüngere, der Galerist, andere Sorgen als der Künstler, dessen Laufbahn bisher ziemlich erfolgreich verläuft. Er lehrt Kunst in Amerika, hat seit 2008 eine Professur für Malerei am Hampshire College in Amherst, Massachusetts- USA inne.
Eine halbwegs sichere Sache anscheinend, verglichen mit dem Kunst-Händler, der inmitten der Finanzkreise versuchen muss, sein schnelles Motorboot an bessere Küsten zu bringen. Streckenweise muss er sogar ohne Motor fahren und paddeln, um Land zu sehen.
Die Kunst ist gewiss kein einfaches Geschäft heute, da die jüngere Generation – sagen wir 30 plus- ungefähr im Alter des Galeristen,- mit Kunst scheinbar nicht allzu viel an der Baseballmütze hat.
Alle jüngere Welt ist nervös dabei, sich schnell einzustellen auf die neue Schwierigkeit, genügend Geld für sich zu ordern, zu besorgen, denn die bewährte Währung scheint krank oder knapper zu werden? Und überhaupt: Geld eintreiben, machen, ordern - das ist längst der genauere Begriff als die sog. Arbeit, die es nur noch virtuell in größeren Mengen gibt.
Daniel Kojo Schrade, der Künstler, geht ein anderes großes Risiko ein. Denn er erfindet wahrlich keine Schlager, er will auf eine raffinierte Weise gefallen, nicht als everybodys darling gelten und- ist es doch irgendwie. Sein Charisma heißt Charme und ist bestürzend, schwarz und weiß, als Allgäuer wie als Ghanaer, als Künstler wie als Mensch.
Er sucht und kramt nach sich selbst in verschiedenen Rollen, als „Afronaut“, als Wanderer zwischen den Welten: Ghana, Germany, Amerika. Um nur drei der Stationen zu nennen, die ihn prägten, auch außer der Kunst.
Er sucht sich, indem er seine Herkünfte spielerisch in den Blick nimmt, ihre Elemente frei montiert, die Bilder verschneidet, ähnlich wie in einem guten Film. Er möchte als Künstler das freie Menschsein erkunden. Am Beispiel der eigenen Existenz, der Zuschreibungen, die er von außen schon erfuhr und die er auflöst, in Frage stellt. Die Zuschreibungen und fremden Kenn- ja Identitätszeichen gibt er in kleinen Portionen, Bildfragmenten und Farben in die Bilder hinein. Allerdings niemals im Sinn einer puren, eindeutigen Botschaft. Von dieser tauchen aber durchweg immer wieder Momente, also Buchstaben auf. Genauer könnte man sagen, er nimmt Ingredienzien, Utensilien, Fragmente, Methoden von Botschaft in den Focus, ohne je ein resümierbares Sinnganzes anzuleuchten. Ein ganzheitlicher Sinn liegt allenfalls im Such- und Entdeckungs-Prozess selbst, auf dem Weg von Bild zu Bild, zwischen den Materialien der Komposition. Öfter versinken formale Aspekte gleich wieder im Material. Dann fordert wieder das bloß Materielle des Bildes alle Konzentration des Betrachters. Ein mit Baumwolle verarbeitetes Foto z.B., es gerät zur figurativen Unterbrechung inmitten abstrakter Farbflächen, es will dringend wahrgenommen werden.
Narratives, rein Abstraktes, Zeichenhaftes, Skripturales gegeneinander gesetzt und in Zusammenhang gebracht, alles scheint möglich und doch entsteht kein schlichtes Chaos, sondern eine besondere ästhetische Stimmigkeit und Harmonie. Das hat wenig mit den einzelnen Inhalten, wenn sie hier und da auftauchen, zu schaffen. Der Maler versammelt alle Anzeichen seiner kommunikativen Tätigkeit, doch er schafft keine Auskunft, die auf den Bildern einfach abzulesen wäre, sondern er weist mit den Zeichen, Strukturen und figurativen Fragmenten über jedes einzelne Bild hinaus in einen unendlichen Imaginations-Raum. Darin, sagt er, befinden sich einzelne Regale seines Archivs. Dort bediene er sich, dort sammelt er neue Eindrücke an.
Daniel Kojo Schrade verströmt eine unbändige schöpferische Lust. Seine ästhetische Hoffnung ist groß und wirkt ansteckend auf den Betrachter.
Das Leben ist groß, doch die Verhältnisse, sie sind anders.
Malerei aus Zwischenräumen
Jochen Meister über die Arbeiten von Daniel Kojo Schrade
Malerei ist zunächst das Auftragen von Farbe auf eine Fläche. Ob dies geschieht, um etwas Bekanntes abzubilden, oder ob es darum geht, etwas Neues entstehen zu lassen, kann bei dieser einfachsten Definition außer Acht gelassen werden. Für jedes weitere Verständnis spielt die Entscheidung, was auf der Fläche, in unserem Fall der Leinwand oder dem Papier, entsteht, jedoch eine große Rolle.
Dass Farben, Linien und Flächen viel zu schön und wichtig sind, um mit ihnen nur das nachzubilden, was schon existiert, ist keine neue Erkenntnis. Dass in der Malerei bisweilen hinter der Oberfläche eine verborgene Bedeutung liegt, ebenfalls nicht. Interessanterweise treten beide Phänomene zu Beginn des 20. Jahrhunderts markant auf: in der Malerei der Moderne wie auch in der jungen Disziplin der Kunstgeschichte, beispielsweise bei Aby Warburg. Letzterer beschäftigte sich mit Formen, die als Speichermedium für Geistiges eine Grundvoraussetzung der Zivilisation darstellten. Diese Formen können Zeichen sein, verwendbar im Sinne von Kodes, also mehr oder weniger komplex strukturierten Schlüsseln, um etwas zu "erschließen".
Eine Form entsteht zunächst in den Gedanken des Malers, vielleicht angeregt durch Gesehenes. Dem Drehen und Wenden und Spielen mit der Form im Kopf folgt der erste Schritt in eine neue, materielle Existenz, etwa in einer Zeichnung. Möglicherweise existiert daneben schon eine weitere Form, die sich hinzu gesellt. In Gedanken entsteht ein ganzes Bild. Der Schritt in die Zeichnung oder die Malerei muss nicht bedeuten, dieses "Bild im Kopf" exakt auf die Welt zu bringen. Denn zur Geburt des Bildes gehört die Hand, die es macht. Wenn sie frei gelassen wird, kann der Bildgedanke durch die körperliche Interpretation verändert werden; er kann um Elemente bereichert werden, die erst jetzt, mit der Hand entstehen. Regel und Freiheit, Konstruktion und Spontaneität: der Wechsel bestimmt diese Malerei. Es ist die Vorstellung zweier Kräfte, die wie beim Herzschlag erst miteinander Eins ergeben.
Das ist die Malerei von Daniel Kojo Schrade. Seine Bilder sind vielschichtig im Aufbau, auf Leinwand oder bei kleineren Formaten auf Papier. Die Farben sind mit Eitempera oder Acryl aufgetragen und durchzogen von Linien von Kohle oder Ölkreide. Die Oberfläche der Bilder ist geprägt durch die unterschiedlichen Arten des Auftragens oder Wegnehmens der Farben. Es entstehen Schichten, Überlagerungen und Ränder. Sand und anderen Substanzen können zugesetzt werden - regelrechte Farblandschaften bilden sich, deren Teile zueinander in jene beschriebenen spannungsvollen Verhältnisse gesetzt sind, die auch die Entstehung des einzelnen Teils bestimmen.
Und dann taucht noch etwas anderes auf. Fragmente von Buchstaben zum Beispiel. Oder Formen, die an Dinge erinnern. In den früheren Werken ist es häufig die Silhouette eines rituellen afrikanischen Musikinstruments, des Gonggong, etwa halbkreisförmig, mit einer Fingerschlaufe am Scheitel. Allein die reduzierte Fläche dieses Gegenstandes, seine zeichenhafte Vereinfachung, setzt sich in Beziehung zu den ungegenständlichen Bildteilen. Keine Geschichten sind aus diesen Beziehungen abzulesen, keine Handlung kann man erkennen. Aber wer aufmerksam die Formen und Farben beobachtet, spürt vielleicht ein Gefühl, eine Referenz an einen machtvollen afrikanischen Kode.
Die neueren Werke zeigen öfters fragmentierte Buchstabenfolgen. Es sind immer wieder Bruchstücke derselben Worte. Wenn man den Bildtitel liest, kann man mit etwas Nachdenken die Fragmente als Teile der Wortfolge STOP, LOOK, LISTEN identifizieren, welche den Titel gibt. Oder beispielsweise BROTHER BEETHOVEN. Unter den Titeln der Bilder findet sich auch der AFRONAUT. Dieses Kunstwort benennt ziemlich präzise die Situation, aus der die Bilder von Daniel Kojo Schrade entstehen. Die Frage nach dem eigenen Sein ist verknüpft mit der Frage nach dem Woher. Selbst wenn man den Eindruck hat, dass sich Gesellschaften im Zeichen der Globalisierung rasant ändern, vielleicht gerade wegen dieser Veränderungen, mag der Begriff Heimat aktuell sein. Der Raum des Dazwischen nämlich vergrößert sich. Gibt es eine Heimat dort, im "Dazwischen"? Der Afronaut, der seine Wurzeln eben nicht mehr in Afrika sieht, sondern genau so gut "from outer space", aus dem Weltall in dieses Land gekommen sein könnte, ist eine symbolische Figur. Auch er ist ein Kode, ein Schlüssel. "Brother Beethoven" übrigens ebenso: Die Ikone klassischer abendländischer Musik,wird durch die Anrede "brother, Innbegriff der afroamerikanischen Emanzipationsbewegung, zum "Stammesbruder", angeregt übrigens durch die Nachricht, dass die Großmutter des 1770 geborenen Komponisten eine farbige Surinamesin gewesen sei. "Stop, Look, Listen" ist eine Sentenz von anderer Qualität. An Bahnübergängen in Ghana warnt dieser Spruch auf Hinweistafeln Diejenigen, die die Gleise überqueren wollen. Naht ein Zug, ist nicht nur Vorsicht geboten, sondern auch die Möglichkeit gegeben, miteinander zu reden und sich auszutauschen. So bekommt der verkehrstechnische Hinweis einen ebenfalls symbolischen Sinn: Innehalten, um zu schauen und zu hören...innehalten, um wahrzunehmen. Dieser Hinweis sollte auch für den Umgang mit Malerei ernst genommen werden.
Das Verhältnis der Farbflächen und der Linien, die Spannung der ungegenständlichen Gesten ist ein Teil der Malerei von Daniel Kojo Schrade. In deren Komposition fügt sich das symbolisch deutbare Fragment ein, der afrikanische Kode. Wieder gilt für das Ganze, was auch für seine Teile gilt. Alles wird einem Prozess unterworfen, der unter großem Einsatz subjektiver Energie den anfangs genannten Wechsel, das Zusammenspiel von Konstruktion und Spontaneität, zum Prinzip erhebt. Dieser Prozess wirkt übrigens nicht nur im einzelnen Bild, sondern greift auf das moderne Mittel der Serie zurück. Als Einzelbilder konzipiert, entstehen die Werke doch seriell und versichern sich gegenseitig ihrer Existenz wie ihrer Ziele.
Es scheint mir, dass die Ziele darin liegen, immer wieder neu eine Form für das Dazwischen zu evozieren. Wir können in der ungegenständlichen Malerei eine Auseinandersetzung mit der westlichen Moderne erkennen, ohne hier einzelne Künstler nennen zu müssen. Die Stellung des Bildraumes zur Bildfläche, das Spiel der spontanen Geste mit der strengen Komposition, dafür würden sich wohl hinreichend Beispiele finden lassen. Bei der erdigen Farbigkeit zieht sich der Kreis der "Verwandten" um mediterrane Positionen. Mit dem Einbezug der symbolischen Fragmente schließlich öffnen sich die Werke auf den Zwischenraum hin. Die Fragmente, Buchstabenfolgen oder Silhouetten, sperren sich nicht. Sie brechen nicht aus dem Bild heraus, sondern scheinen sich ihrer Macht auf das Ganze sehr bewusst zu sein. Wenn ich sie damit als aktive Teile beschreibe, gebe ich ihnen die gleiche Energie wie den abstrakten Gesten. Mit dem Weglassen des Gegenstandes ermöglichte die europäische Malerei des 20. Jahrhunderts ein unbedingtes Annähern an "reine" geistige Zustände. Das Symbolische stand dazu meist im Widerspruch, denn es benötigt die Bindung an die materielle Welt, um auf die geistige weisen zu können. Wenn Daniel Kojo Schrade das Symbolische in Wort(fragment) und Bild wieder aufnimmt, verknüpft er dies mit einer tatsächlichen Materialität der Farbsubstanz. Die expressive Geste ist zugleich aufgetragenes, gebundenes Pigment, während das Symbolische an den Rand einer materiellen Auflösung geführt ist in der Fragmentierung und Zeichenhaftigkeit des Kodes. Diese materielle Auflösung des Symbolischen bei einer gleichzeitigen materiellen Aufladung des Gestischen scheint mir das Dazwischen zu formulieren. Übrigens nicht einen festen Ort, eher eine Wanderung. Es ist ehrlich, einen Weg zu zeigen und nicht scheinbare Lösungen anzubieten. Es ist ehrlich, aus der Erfahrung heraus zu arbeiten und nicht gegen sie. So ist das Thema Afrika nicht plakativ ins Zentrum gerückt. Es wird mit der dynamischen Struktur der europäischen Malerei schließlich auch immer wieder in Frage gestellt; geht unter im Bild, um mit Kraft wieder aufzutauchen. Es ist nicht das Afrika, wie es von außen gesehen wird, es ist das "innere Afrika" von Daniel Kojo Schrade. Es antwortet aus Zwischenräumen, Räumen, die durch einen Sprung zu erreichen wären. Jede Generation muss sie sich erwerben in ihrer Auseinandersetzung mit ihrem Ort und ihrer Zeit. Malerei muss nicht mehr sein als das.
